FÜR MENSCHEN GIBT ES KEINE TABELLE

Verlag "Regiogeflüster" Otterberg bei Kaiserslautern, Dezember 2014. Bericht/Interview von Andreas Erb

Wie stehen wir zu unseren Soldaten? Und wie gehen wir mit denjenigen um, die versehrt aus einem Kriegseinsatz zurückkehren? Hier erkennt Horst Schöttler eine Lücke im System. Seit 2007 sorgt sich die "Oberst Schöttler Versehrten-Stiftung" um versehrte Soldaten und deren Familien, für die es im staatlichen Versorgungssystem keine Kategorie gibt. Die schlichtweg durchs bürokratische Raster fallen.

Von Andreas Erb

"Ich habe vor Freude geweint als ich Ihren Brief las. Selbst meine Hunde sahen mich sehr verwirrt an. " Rückmeldungen wie diese bestätigen Horst Schöttler. "Sie müssten eigentlich bis nach Kaiserslautern den Stein haben fallen hören, der uns vom Herzen gefallen ist! Es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, Hilfe zu erhalten", heißt es in einem anderen Schreiben. Oder: "Dank der Unterstützung beim Training durch die Stiftung konnte ich bei den Behindertensportwettkämpfen die Qualifikation für die Europa- und Weltmeisterschaften erreichen."

2007 nahm die "Oberst Schöttler Versehrten-Stiftung" ihre Arbeit auf. Sitz ist in Kaiserslautern. Ihre Aufgabe: Die Stiftung kümmert sich um versehrte Soldaten der Bundeswehr, deren Anliegen durchs Raster der Bürokratie fallen . "Dort wo der Staat nicht mehr hilft oder nicht helfen kann, springen wir ein", erklärt Schöttler. Damit kümmert sich die Stiftung um ein Thema, mit dem sich die meisten Deutschen so überhaupt nicht gerne beschäftigen (wollen). Wie stehen wir zu unseren Soldaten? Wie gehen wir mit ihnen umi Welchen gesellschaftlichen Stellenwert hat die Armee, die aktuell mehr von Pannen von sich reden macht als durch erfolgreiche Einsätze?

Es ist kein politisches Statement, das die Stiftung setzt. Sie kümmert sich schlicht um Soldaten. Um versehrte Menschen. Bundespräsident Horst Köhler sprach einst vom "freundlichen Desinteresse", das die deutsche Gesellschaft ihren Soldaten entgegen bringe. Die Stiftung interessiert sich. Und kurioserweise sagt Schöttler: " Nicht von Kriegsdienstverweigerern oder kritischen Pazifisten wird unsere Arbeit hinterfragt, sondern meist sind es ausgerechnet höhere Beamte und diejenigen, die in einem gesicherten Land in Wohlstand leben. Sie fragen, warum wir uns um versehrte Soldaten kümmern, die quasi als Söldner mit dem Segen des deutschen Bundestages in den Krieg ziehen und doch eigentlich hätten wissen sollen, welches Risiko sie eingehen. Nach dem Motto: Pech gehabt."

Doch mit "Pech gehabt" will sich Schöttler nicht begnügen. 2005 hat er, unter dem Eindruck eines Anschlags auf Soldaten in Kabul, mit der Stiftungsarbeit begonnen. Dabei berichtet er von Zahlen, die im Bewusstsein der Deutschen gerne unterdrückt bleiben. Diese Unkenntnis spiegelt womöglich ein historisch bedingt gespaltenes Verhältnis zwischen der Nation und ihrer Armee. Ein Tabu, vielleicht. Ihre ersten Auslandseinsätze unternahm die Bundeswehr nicht etwa auf dem Balkan, sondern bereits Anfang der 1990er Jahre in Kambodscha, als sie mit medizinischen Kräften eine UNO-Mission unterstützte. Dabei wurde im Sommer 1993 Sanitätsfeldwebel Alexander Arndt erschossen. Er ist der erste Bundeswehrsoldat der bei einem Auslandseinsatz gewaltsam ums Leben kam.

Von 1993 bis 2014 zählt Schöttler 115 getötete Soldaten der Bundeswehr, hauptsächlich auf dem Balkan und in Afghanistan. Ganz sicher ist er nicht, da er keine offizielle Todesstatistik der Bundeswehr kennt. Schweigen. Die Anzahl körperlich Versehrter kalkuliert er mit 300. Geplatzte Trommelfe lle, abgerissene Arme und Beine, Erblindungen. Schöttler schickt voraus: "Die Bundesrepublik und die Politik haben gelernt. Bei körperlich versehrten Soldaten besteht im Grunde keine Not mehr. Deren Versorgung ist im weltweiten Vergleich ausgesprochen gut."

Doch es gibt sie, die Lücken im System. Menschliche Schicksale, die in kein Raster passen, die sich nicht einordnen lassen in einer Statistik. "Für die Menschen, um die wir uns kümmern, gibt es keine Tabelle." Schöttler erzählt die Geschichte des 24-jährigen Soldaten, der ums Leben kam. Zuhause seine 17-jährige Freundin, gerade schwanger mit seinem Sohn. Da beide nicht verheiratet waren, erhielt der Sohn zwar eine geringe Stütze als Halbwaise, die Mutter jedoch wurde finanziell allein gelassen. Die Stiftung sprang ein . "Oft sind es überschaubare Beträge, die helfen und den Betroffenen außerdem einen Ansporn geben", sagt Schöttler.

Ein anderes Beispiel. Einsatz in Afghanistan. Masar-e Scharif. ln einem Zelt wird ein Soldat tot aufgefunden, erschossen, die Waffe verschwunden. Selbstmord? Ein Unfall, unglückliches Hantieren mit der Waffe? Mord? Der Soldat ist verheiratet und Vater eines Kindes. Da die Todesursache jedoch ungeklärt bleibt und ein Selbstmord nicht ausgeschlossen werden kann, erhalten Witwe und Kind keine Unterstützung. Die Stiftung ist gefragt.

Schöttler spricht von "Überbrückungshilfen". Dauerhaftes Engagement ist selten. Hilfe zur Selbsthilfe eben. Dazu gibt es materielle Hilfe, sei es das spezielle Fahrrad für den Beinamputierten oder ein angepasstes Automatikgetriebe fürs Auto - einzelne Investitionen, die für die Versehrten nicht realisierbar sind. Oder Unterstützung bei alternativen Heilmethoden. Seit 2007 hat man so rund 150 Fälle betreut. "Unsere Trefferquote liegt bei 60 bis 70 Prozent, die die Kurve zurück ins Leben kriegen." Jährlich setzt die Stiftung rund 50.000 Euro ein, finanziert aus den Erträgen des Stiftungskapitals, Spenden und Zuwendungen sowie Benefizveranstaltungen und eigenen Aktionen. Schirmherr der Stiftung ist Bundestagspräsident Norbert Lammert. Im Vorstand sind neben Schöttler THW-Präsident Albrecht Broemme, Brigadegeneral Peter Braunstein, der Wehrbeauftragte des Bundestages Hellmut Königshaus, Stefan Deuschl, Georg Brenner und Hermann Gödert.

Mit ihrer Arbeit widmet sich die Organisation zudem einem speziellen Schwerpunkt. Sie richtet ein gesondertes Augenmerk auf seelisch versehrte Soldaten. Tausende dürften es sein, doch auch hier wieder nur unbestätigte Zahlen. Schöttler geht davon aus, dass alleine im AfghanistanEinsatz bisher 135.000 deutsche Soldaten aktiv waren. Schätzungen zufolge kehren davon 18 bis 20 Prozent traumatisiert zurück. Dabei geht es nicht nur um die Kriegsheimkehrer selbst. Aus zahlreichen Begegnungen weiß Schöttler: "Die Betroffenheit erstreckt sich auf die komplette Familie." Entsprechend hoch ist die Scheidungsrate. "Jede zweite Ehe geht kaputt."

Pro betroffenem Soldat seien bis zu zehn Personen im engen Umfeld von der sogenannten Posttraumatisierung erfasst. Depressionen, ängste, völlige Unsicherheit und Alkoholismus bis hin zu Gewaltausbrüchen, auch in der eigenen Familie - dies alles seien Symptome der seelischen Krankheit. Sich nach dem Kriegseinsatz nicht mehr zurechtfinden können in der Heimat. Zu groß der Kontrast zwischen Kriegschaos und trautem Heim . "Bei der Rückkehr ergibt sich ein großes Fragezeichen."

Oftmals gibt es für diese Soldaten und vor allem ihre Familien keine adäquate Versorgung nach der Heimkehr. Im Gegenteil: Manchmal sind sie gar medizinischem Rechtfertigungsdruck oder juristischen Prozessen ausgesetzt, in denen sie - selbst zu kraftlos, um den eigenen Alltag zu meistern -, den Grad ihrer Wehrdienstbeschädigung nachweisen müssen. Körperliche Gebrechen, ein verlorenes Bein, eine nervliche Schädigung lassen sich relativ unkompliziert einordnen - doch für psychologische Schäden, für seelische Verletzungen und Traumatisierungen gibt es kein Schema. Eine intensive individuelle Betrachtung ist gefordert, eine Entscheidung nach Aktenlage eigentlich nicht möglich. De facto ist sie jedoch an der Tagesordnung. Diesen Systemfehler hat Schöttler erkannt. Und dagegen arbeiten er und seine Stiftung.

Eine andere Zuschrift lautet: "Stiftungen wie Ihre sind ein Trost ein Lichtblick in die Zukunft, ein Halt, den man bekommt."